LAGA vs. PerleBÄM
Die Landesgartenschau blüht auf
– während das PerleBÄM eingeht
Oder ganz trocken gesagt:
Das künstlich Gepflanzte wird bewässert,
während das natürlich Gewachsene verdurstet.
Am 30. und 31. Mai 2026 wird in Perleberg erneut das Festival für Straßenkunst „PerleBÄM“* stattfinden – veranstaltet vom Kulturkombinat Perleberg**.
*) www.perlebam.de
**) www.kulturkombinat-perleberg.org
Ein Festival voller Straßenkunst, Musik, Begegnung, Improvisation und echter menschlicher Nähe.
Ein Festival,
das nicht aus Hochglanzbroschüren entsteht,
sondern aus Menschen.
Aus Künstlern,
die auf Pflastersteinen spielen.
Aus Begegnungen,
die sich nicht planen lassen.
Aus Momenten,
die keine Förderkennziffer besitzen.
Und genau dieses Festival kämpft inzwischen massiv ums finanzielle Überleben.
Öffentlich wurde erklärt, dass wichtige Fördermittel nicht bewilligt wurden und nun eine erhebliche Finanzierungslücke entstanden ist.* Gleichzeitig wurde über Crowdfunding und Spenden versucht, das Festival überhaupt noch auf finanziell sichere Beine zu stellen.
***) www.startnext.com/perlebaem-festival-fuer-strass
Währenddessen fließen an anderer Stelle weiterhin Millionenbeträge in künstlich geschaffene Erlebnis- und Stadtentwicklungsprojekte wie die Landesgartenschau (LAGA) 2027 in Wittenberge.
Und genau hier beginnt eine gesellschaftliche Entwicklung sichtbar zu werden, die immer mehr Menschen unterschwellig als zutiefst widersprüchlich empfinden.
Denn während das natürlich gewachsene kulturelle Leben zunehmend finanziell austrocknet, werden künstlich geschaffene Erlebnisräume immer intensiver bewässert.
Die Landesgartenschau ist dabei nicht einfach nur eine Gartenschau.
Sie ist Symbol einer Entwicklung, in der immer größere Summen in:
- Prestigeprojekte,
- Stadtmarketing,
- Erlebnisästhetik,
- Verwaltungsstrukturen,
- künstlich erzeugte Attraktivität
fließen.
Das PerleBÄM dagegen steht beinahe sinnbildlich für das Gegenteil:
- Für spontane Kultur.
- Für freie Begegnung.
- Für unmittelbares menschliches Leben.
- Für etwas, das nicht vollständig kontrollierbar, messbar oder verwaltungstechnisch normierbar ist.
Und vielleicht liegt genau dort das eigentliche Problem. Denn echte Lebendigkeit entsteht selten in Förderanträgen.
Sie entsteht zwischen Menschen.
Auf Straßen.
Auf kleinen Bühnen.
Zwischen Musik,
Gelächter,
Improvisation,
Unsicherheit
und echter Nähe.
Doch genau diese Form natürlicher kultureller Energie wird finanziell immer fragiler.
Während Millionenbeträge in zeitlich begrenzte Großprojekte fließen, müssen freie Kultur-initiativen zunehmend um Spenden kämpfen.
Das erzeugt eine gesellschaftliche Schizophrenie:
Die Menschen zahlen immer höhere Steuern und Abgaben, damit künstliche Projekte finanziert werden, über die sie sich anschließend freuen „sollen“ – während gleichzeitig genau jene natürlichen sozialen und kulturellen Strukturen verschwinden, die früher ganz selbstverständlich aus dem Leben selbst entstanden.
Immer mehr wirkt es, als könne gesellschaftliche Lebendigkeit nur noch künstlich erzeugt,
inszeniert und gefördert werden. Fast so, als hätte man vergessen, dass Städte ursprünglich nicht durch Erlebnisarchitektur lebendig wurden – sondern durch Menschen.
Vielleicht lohnt gerade deshalb ein Blick in die Geschichte der sogenannten „Rolandstädte“ wie Perleberg.
Die mittelalterlichen Rolandfiguren standen einst symbolisch für:
- Bürgerrechte,
- städtische Freiheit,
- Eigenständigkeit,
- Selbstverwaltung
und eine lebendige Bürgerschaft, die ihre Stadt aus eigener Kraft gestaltete.
Der Roland war damit kein Symbol verwalteter Erlebniswelten, sondern Ausdruck einer Gesellschaft, in der Lebendigkeit, Kultur und Gemeinschaft noch deutlich stärker aus den Menschen selbst heraus entstanden.
Heute wirkt es dagegen fast wie eine historische Umkehrung:
Während der steinerne Roland noch immer Freiheit und Eigenständigkeit symbolisiert,
werden Städte zunehmend abhängig von:
- Förderprogrammen,
- Verwaltungsstrukturen,
- Projektlogiken
und künstlich erzeugten Erlebnisräumen.
Fast so, als hätte sich die gesellschaftliche Entwicklung langsam von den Menschen weg – und immer stärker hin zu steuerbaren Strukturen verlagert.
Früher kämpften Städte für Eigenständigkeit und Stadtrechte.
Heute kämpfen viele freie Kulturprojekte bereits um ihre bloße finanzielle Existenz.
Und vielleicht zeigt sich gerade darin eine der stillsten, aber zugleich tiefgreifendsten Veränderungen – und die eigentliche Tragik unserer Zeit:
Je stärker der natürliche gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet, desto mehr versucht man, Lebendigkeit künstlich zu erzeugen.
Dann entstehen:
- Großevents,
- Erlebnisräume,
- Prestigeprojekte,
- Hochglanzaufwertungen,
- künstliche Blütenlandschaften.
Nicht unbedingt aus bösem Willen. Sondern weil das natürliche Leben darunter längst zu verdorren beginnt.
Die Landesgartenschau blüht auf – während das PerleBÄM eingeht.
Das künstlich Gepflanzte wird bewässert, während das natürlich Gewachsene verdurstet.
Und vielleicht ist genau das
eine der traurigsten Beschreibungen unserer Zeit.




