Wittenberge bekommt endlich sein eigenes Phallussymbol
Nach Jahrhunderten kultureller Benachteiligung erhält die Stadt nun endlich ein weithin sichtbares Zeichen wirtschaftlich geförderter Zukunftsfähigkeit.
Die Bürgerinnen und Bürger Wittenberges dürfen aufatmen:
Nach Jahrhunderten schmerzlicher Unterversorgung mit ausreichend hohen Symbolen von Macht, Reichtum und (geförderter) Wirtschaftsstärke wird Wittenberge nun endlich auf die nächste (46 Meter hohe) Entwicklungsstufe gehoben – und dies sogar mit:
24 Meter Hoffnung auf Aussicht
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Schon seit Jahrhunderten messen richtig richtig erfolgreiche Städte ihren gesellschaftlich geförderten Fortschritt nicht an Nebensächlichkeiten wie:
• Lebensqualität
• Glück
• Gelassenheit
• psychischer Gesundheit
• oder gar der Zufriedenheit ihrer Einwohner
sondern dort, wo echte Größe sichtbar wird:
i n M e e e t e e e r r r n n n ! ! !
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Denn eine richtige Stadt misst ihren Erfolg traditionell nicht in Glück pro Einwohner oder Einwohner pro Glück, sondern in Metern über Normalnull.
Bereits die alten HERRscher wussten:
Wer etwas darstellen will, baut etwas Höheres als der Nachbar.
Kirchtürme, Burgtürme, Rathaustürme, Monumente, Sandburgen, Hochhäuser oder andere architektonische Potenzbekundungen dienten seit jeher dem Nachweis von Macht, Reichtum, Einfluss und (geförderter) wirtschaftlicher Stärke.
Wäre die seelische Gesundheit der Bevölkerung entscheidend gewesen, hätten unsere Vorfahren vermutlich riesige Entspannungszentren errichtet.
Aber… stattdessen bauten sie Türme.
Das Prinzip hat sich bis heute bewährt.
Wer hoch hinaus will, braucht Fördermittel.
Der Wasserturm wird mit Millionenbeträgen saniert und aufgewertet.
Eine Aussichtsplattform ermöglicht künftig den Blick über die Stadt – mit der Edentitätskrise (verlinken).
Ein gläserner Aufzug führt die Besucher komfortabel nach oben.
Die Trinkhalle wird modernisiert.
Die Außenanlagen werden neu gestaltet.
Ein Grünes Klassenzimmer entsteht.
Nachhaltigkeit wird sichtbar gemacht.
Umweltbildung wird erlebbar.
Fördermittel wirken.
Die kommunale Erektion erhebt sich.
So funktioniert geförderter Fortschritt und geförderte Zukunftsfähigkeit.
Die Stadt Wittenberge erhält für den Um- und Ausbau der Trinkhalle einen Zuschuss in Höhe von 1.925.077 (in Worten: eine Million neunhundertfünfundzwanzigtausend siebenundsiebzig) Euro (und null Cent – wenigstens wird bei den Cent-Beträgen nicht übertrieben) sowie für die Sanierung des Wasserturms einen Zuschuss von 2.191.874 (zwei Millionen einhunderteinundneunzigtausend achthundertvierundsiebzig) Euro (und ebenfalls null Cent).
Insgesamt also mehr als vier Millionen (in Zahlen: 4.116.951,-) Euro für Aussicht, Aufstieg und geförderte symbolische Standfestigkeit.
Quelle: www.wittenberge.de/news/1/1159449
Viele Familien mit Kindern und nicht wenige Armutsrentner dürfen derweil weiterhin an zahlreichen anderen nicht geförderten Zukunftsprojekten teilnehmen – wie z. B. an den folgenden zwangsbeliebten monatlichen Wettbewerben.
Die Hungerspielwettbewerbe mögen beginnen – bei immer mehr Menschen bereits ab der monatlichen Monatsmitte:
„Wie komme ich finanziell bis zum Monatsende?“
„Wie bezahle ich die Schulsachen meiner Kinder?“
„Wie finanziere ich einen Kinobesuch für die Familie, ohne vorher die Hausbank konsultieren zu müssen?“
„Wie viele Monate oder sogar Jahre kann man es ohne einen Club‑, Bar- oder Gaststättenbesuch aushalten – weil man sich solchen sozialen Luxus nicht leisten kann?“
„Kann die Sättigung mit einer Bratwurst, einem Döner oder einem halben Hähnchen ohne mit Pommes usw. allein durch deren Geruchswahrnehmung erreicht werden?“
„Kann Schwarzfahren – weil das Geld vorne und hinten nicht reicht – mit einem anschließenden Wellnessaufenthalt in einer Justizvollzugsanstalt (JVA) einen (Abenteuer-)Urlaub ersetzen?“
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Hierbei gibt es aber ein sehr großes nicht öffentlichkeitswirksames Unwirksamkeitsproblem: Die Erfolgsmessung gestaltet sich schwierig.
Denn leere Kühlschränke, verarmte Familien, leere Portemonnaies und Ersatzfreiheitsbestraften sind selten touristische Attraktionen.
Psychische Entlastung lässt sich nur schwer feierlich einweihen und erzeugt selten medienwirksame Fototermine – und ohne sichtbare und medienverwertbare Erfolge ist eine städtische Stadtverwaltung (ein nichts) beinahe bedeutungslos.
Und eine steigende Lebenszufriedenheit lässt sich von einer Aussichtsplattform aus nur schwer erkennen – weshalb sie, vor allem für eine städtische Stadtverwaltung, nichts wert ist.
Die wirklich wichtige Frage lautet dabei jedoch:
Warum gelten hohe Türme als Erfolgssymbole,
während niemand eine Tafel mit der Aufschrift
„Psychische Gesundheit der Bevölkerung: +27 %“
feierlich einweiht?
Warum berichten Zeitungen über die Höhe von Bauwerken,
aber kaum über die Höhe der Lebenszufriedenheit?
Warum erzeugen 24 Meter Aussicht mehr Begeisterung als 24 Prozent weniger Menschen mit Depressionen?
Oder so, wobei das Wort „aufboomt“ an „aufblühen“ anknüpft.
Warum gilt ein saniertes Wahrzeichen als Investition in die Zukunft,
während die seelische Gesundheit der Bevölkerung häufig als Privatproblem behandelt wird – und man „den Rest“ an eine stetig wachsende Zahl von Lebenshilfevereinen delegiert, wobei dieser Teil der Betreuungs- und Pflegeindustrie – passend zum Motto „Wittenberge blüht auf!“ und zu unser aller wirtschaftlichem Glück – seit Jahren kräftig aufblüht. (← Seite mit dem Bild der rolatierenden älteren Herrschaften verlinken)
Und dann kommt jetzt eine gelbe Textbox:
Gut zu wissen:
Heute zählt nicht mehr nur die althergebrachte und inzwischen völlig primitive Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die übrigens inzwischen zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte, sondern die Verwirtschaftlichung des Menschen durch den Menschen (der Mensch selbst wird immer mehr zum Renditeobjekt der finanziellen Begierde)… denn NUR so kann der Reichtumsstandard der 1 Prozent – finanziert durch die 99 Prozent – zu unser aller Wohl erhalten bleiben.
Das Glücksbarometerproblem
Das Glücksbarometerproblem
Man stelle sich einmal vor:
Die Stadtverwaltung würde verkünden:
„Die psychische Gesundheit der Bevölkerung konnte in den letzten zehn Jahren um 31 Prozent gesteigert werden.“
Die öffentliche Begeisterung hielte sich vermutlich in Grenzen.
Würde dieselbe Verwaltung jedoch verkünden:
„Der neue Turm ist vier Meter höher geworden.“
wäre die Sache sofort:
MessBar.
SichtBar.
FotografierBar.
EinweihBar.
FeierBar.
FörderBar.
Denn Glück lässt sich schlecht aus der Ferne betrachten.
Ein Turm dagegen schon.
Der steht wie (s)ein Mann(es seiner) in der Brandung!
Er ragt weithin sichtbar in den Himmel und signalisiert:
„Hier wurde erfolgreich investiert.“
Ob gleichzeitig auch in die Menschen investiert wurde, lässt sich dagegen nur schwer fotografieren.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Glücksbarometerproblem:
Wir messen bevorzugt das, was sich leicht vermessen lässt – und verlieren dabei aus dem Blick, was das Leben tatsächlich lebenswerter macht. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass vielen Menschen über Generationen hinweg ein sehr großes Stück Urvertrauen verloren gegangen ist.
Man stelle sich vor, man würde in Menschen investieren, die sich dann – voller Dankbarkeit und Respekt, aufgrund des würdevollen Umgangs mit ihnen – völlig freiwillig und selbstbestimmt in die Stadt und ihre Probleme einbringen.
Für Menschen, deren Weltbild auf Kontrolle, Steuerung und Misstrauen beruht, ist eine solche Vorstellung allerdings nahezu unvorstellBar. Schließlich könnte am Ende jeder machen, was er will – statt das, was er soll oder sogar MUSS. Wobei bis heute niemand so genau weiß, wer dieses allgegenwärtige MÜSSEN eigentlich einmal verbindlich für alle beschlossen hat.
Könnte bitte mal jemand dem scheinbar völlig rückständigen Bürgermeister der Stadt Wittenberge (das ist die Stadt mit der Edentitätskrise) und seinen Vasallen im Rathloshaus Bescheid sagen, dass das Mittelalter SCHON LANGE vorbei ist und es in seelisch gesunden Städten angefangen hat, dass die Moderne aufblüht?
Dann kommt jetzt das abschließende…
Fazit
Der Wasserturm kann selbstverständlich nichts dafür.
Er steht einfach da.
Wie Türme das seit Jahrhunderten tun.
Still.
Aufrecht und Standfest – wie seine altertümliche Stadtverwaltung.
SymbolTrächtig.
Vielleicht ist er deshalb gar nicht das eigentliche Thema, sondern vielmehr ein Spiegel.
Ein Spiegel für die Frage,
“was eine Gesellschaft unter Fortschritt versteht.”
Und solange wir unsere Stärke lieber in Metern als in Lebensqualität messen,
dürfen wir uns über eines freuen:
Wittenberge bekommt endlich sein eigenes Phallussymbol.*
*) Einen rund 2 Millionen Euro teuren Elfenbeinturm zzgl. einer Wärmehalle für noch einmal rund 2 Millionen Euro – oder etwas zynisch ausgedrückt:
Eine halbtote Stadt mit einem schicken Wasserturm.
Aufklärungs- und
Bewusstmachungsflächen in Wittenberge und Umgebung
gesucht (Nicht nur an Zaunlatten und Lattenzäunen!)
- 1Der Begriff „verMerkelt“ beschreibt den gesellschaftlichen Zustand fortgeschrittener Alternativlosigkeit. Er tritt bevorzugt dann auf, wenn Menschen anfangen zu glauben, dass es keine Alternativen mehr gibt, obwohl sich diese weiterhin direkt vor ihrer Nase befinden. Sprachhistorisch steht der Begriff in enger Verwandtschaft zum Unwort des Jahres 2010: „alternativlos“.






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